Predigt zum Reformationsfest am 31.10. 2026 in der Hauptkirche St. Petri
Der diesjährige Reformationstag wurde am 31. Oktober 2026 ökumenisch gefeiert in der Hauptkirche St. Petri mit Professor Dr. Thomas Söding (Predigt), Bischöfin Kirsten Fehrs, Hauptpastor Dr. Jens-Martin Kruse und vielen Vertretern der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hamburg. Zum Nachlesen finden Sie hier die Predigt von Professor Dr. Thomas Söding.
HÖREN , WAS ANGESAGT IST.
UND MACHEN, WAS MIT GOTTES HILFE GEHT.
„Fürchtet euch nicht“,
liebe Gemeinde,
das ist der cantus firmus im Predigttext des heutigen Tages aus dem 10. Kapitel des Matthäusevangeliums, in der Übersetzung von Martin Luther: „Es ist nichts verbogen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern“, so beginnt, in der Übersetzung der Lutherbibel, der Predigttext des heutigen Tages (Mt 10,26-27). Religion ist öffentlich. Die Gute Nachricht gehört unter die Leute. Es gibt zwar Gründe, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Aber die Kirche ist kein Geheimbund. Sie lebt von der Freiheit, zu sagen, was ist, was war und was kommen wird. Allerdings hat sie nur das zu sagen das Recht, was sie gehört hat: das Wort des Glaubens, das auf menschliche Weise von Gott ausgeht und auf göttliche Weise bei den Menschen ankommt. Weil die Kirche die Freiheit hat, zu hören, was angesagt ist, steht sie auch in der Verantwortung, zu machen, was getan werden kann.
Was ist das?
Ich rede im Singular von „der Kirche“. Ich weiß, in welcher Kirche ich getauft worden bin und in welcher Kirche ich heute stehe. Vielen Dank für die Einladung, heute die Predigt zu halten – ein starkes ökumenisches Zeichen. Und mehr als das: So viele Konfessionen es gibt – die Kirche Jesu Christi ist eine. Sie ist eine einzige Kirche, weil es einen einzigen Gott gibt und einen einzigen Herrn – und weil der eine Geist Gottes die vielen Getauften, die vielen Geist-Begabten, die vielen Gemeinschaften nicht auseinandertreibt, sondern in aller Vielfalt zur Einheit führt: zum gemeinsamen Zeugnis für den Glauben, die Liebe und die Hoffnung. Die eine Kirche Jesu Christi ist berufen, davon Zeugnis abzulegen, was Friede und Freiheit im Namen Gottes sind.
Wie geht das?
Genau vor zehn Jahren, am Reformationstag 2016, habe ich den ökumenischen Gottesdienst zum weltweiten Auftakt des Reformationsjubiläums im schwedischen Lund mitgefeiert. „From Conflict to Communion“ – „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“, hieß das programmatische Leitwort. Ikonisch ist der Friedensgruß geworden, den Papst Franziskus mit Antje Jackelén ausgetauscht hat, damals Erzbischöfin von Uppsala und Primas (also prima inter pares) der evangelisch-lutherischen Kirche von Schweden: beide auf Augenhöhe, beide in gleichen liturgischen Gewändern, beide in einer Herzlichkeit, die stimmte – zumindest für diesen Moment.
Was ist aus dem Impuls geworden?
Er stand nicht allein. 500 Jahre Reformation – weltweit war es vor zehn Jahren das erste Jubiläum, das die evangelische und die katholische Kirche nicht weiter auseinandergetrieben, sondern enger zusammengeführt hat. „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“, war der Buß- und Versöhnungsgottesdienst überschrieben, der am 11. März 2017, am Vorabend des Sonntags Reminiscere, in der Hildesheimer Michaeliskirche gefeiert worden ist. Ps 25,6 ist der Anker: „Reminiscere miserationum tuarum, Domine“ – „Gedenke, Herr, deiner Barmherzigkeit“. Das starke Zeichen: Ein großes Stahlkreuz, dreidimensional geschmiedet, mit Armen, die nach allen vier Himmelsrichtungen ausgestreckt sind, liegt zu Beginn wie eine Sperre mitten im Raum und wird von Jugendlichen aufgerichtet, so dass Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Kardinal Marx, der damalige Ratsvorsitzende der EKD und der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, unter dem Kreuz ihre Dialogpredigt halten können. „Ich danke Gott, dass es euch gibt und ihr den Namen Jesu Christi tragt“ – das war, wechselseitig von der evangelischen zur katholischen und der katholischen zur evangelischen Seite gesagt, das stärkste Wort des Gebetes.
Im Gedenkjahr der Reformation war es zu spüren: Die Gesellschaft will keine Religion, die spaltet, sondern eine Religion, die eint. Die Kirchen selbst atmen auf, wenn sie sich nicht gegeneinander profilieren sollen, sondern miteinander auf den Weg machen, um zu entdecken, was heute als Wort Gottes zu hören ist, auf dass es offen gesagt und entschieden getan wird.
In den zehn Jahren, die seither vergangen sind, hat sich viel geändert. Die Säkularisierung ist fortgeschritten. Die Versuche, die Gesellschaft zu polarisieren, sind stärker geworden. Sie haben auch größere Erfolge erzielt, so richtig die soziologischen Analysen sind, dass es nach wie vor eine breite und starke Mitte gibt, die an einer vernünftigen, ethisch verantworteten, rechtlich verankerten, an einer effektiven, demokratisch legitimierten Politik interessiert ist. Die dramatischen Veränderungen der Kommunikation in den Schnipseln und Blasen der digitalen Welt erschweren den Diskurs, ohne den es aber keine gute Debatte und keinen belastbaren Kompromiss geben kann, wie ihn die große Mehrheit der Bevölkerung will.
Die Kirchen verlieren Mitglieder, die Bindungen werden schwächer. Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt gibt es – Gott sei’s geklagt – in der gesamten Gesellschaft. In den Kirchen schmerzt es besonders: weil ihr Versprechen die Freiheit ist, das Vertrauen, die Hoffnung. Aufarbeitung und Prävention sind angesagt – und im Gange, aber nicht abgeschlossen.
Auch wenn viele die Kirchen gegenwärtig auf dem Rückzug sehen – es ist ihnen nicht erlaubt, zu verstummen. Was ihnen ins Ohr gesagt ist, sollen sie auf den Dächern verkünden. Sie sind nach wie vor die größten gesellschaftlichen Gruppen, die Gott verehren und deshalb die Gesellschaft zusammenhalten, aber nicht abschotten, sondern aufschließen.
Die Ökumene ist der Ernstfall. Es gilt, ebenso selbstkritisch wie selbstbewusst von den Chancen und Risiken zu sprechen. Ich muss bekennen, dass meine eigene Kirche, gerade auf Weltebene, letzthin wenig getan hat, um die evangelisch-katholische Ökumene voranzubringen, insbesondere nicht in der Förderung der Abendmahls- und Eucharistiegemeinschaft. Vielleicht ist neben den guten politischen Botschaften, die Papst Leo XIV. sendet, der Prozess am wichtigsten, durch Synodalität eine innere Erneuerung anzustoßen, die zu mehr Teilhabe, Rechenschaft und geteilter Verantwortung führt. Umso mehr freue ich mich, wenn ich höre, dass eine evangelische Stimme der Einheit der Christenheit dient und nicht der Verteidigung ihrer Eigenheit. In Hildesheim war vereinbart worden, dass es keine Stellungnahmen zur Ethik, zur Politik, zum Sozialen geben solle ohne vorherige Konsultation der Schwesterkirche. Bislang kann ich auf dem weiten Feld der Bio-, der Sozial- und der Friedensethik nicht genau erkennen, wie dieser Vorsatz befolgt worden ist.
Aber ich bin nicht hier, um zu kritisieren, sondern um an drei Stellen zu sagen, worin das religiöse und politische Zeugnis unserer Kirchen heute bestehen könnte. Ich lasse mich von den Schrifttexten der Liturgie leiten.
Zuerst der Römerbrief. Paulus schreibt von der „Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben“ (Röm 3,22). Später fügt er an: „Es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben“ (Röm 3,30). Der eine Gott misst nicht mit zweierlei Maß. Er ist gerecht. Er ist der Gott für alle. Er spaltet nicht, sondern eint. Paulus wird den ganzen Römerbrief brauchen, um zu erkennen, dass der Christusglaube nicht zur Verwerfung der großen Mehrheit der Juden führt, die nicht an Jesus glauben, sondern zu Gott, der sie auf den Weg ihrer eigenen Sendung führt. Dort, wo der Apostel die Rechtfertigungslehre in den Brief einführt, an der Stelle der heutigen Lesung, bringt er aus dem Glauben heraus die Verheißung zum Ausdruck, dass auch die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, nicht spaltet, sondern eint und dem Frieden mit dem Gottesvolk Israel ebenso dient wie der Gerechtigkeit in der Welt. Gegenwärtig erleben wir eine toxische Wiederkehr von Religion auf der Weltbühne, die identitäres Denken bedient. Es braucht die Alternative, nämlich das Original: Die Kirche, in allen Konfessionen, ist gefordert. Schafft sie Räume, in denen über Gott und die Welt geredet werden kann, ohne dass Menschen übereinander herfallen, sondern mit Respekt zusammenkommen, mit Kenntnis und Wissensdurst, mit der Souveränität, die Wahrheit in der Meinung des anderen zu suchen? In ihren besten Momenten gelingt es den Kirchen- und den Katholikentagen. Wie sieht es vor Ort aus? Dass sich alle, die an Jesus Christus glauben, für Demokratie einsetzen, gehört zu ihrer Mission. Dass sie autoritäre Positionen ablehnen, auch. Die Rechtfertigungslehre vermittelt ihnen das kritische Unterscheidungsvermögen, nicht sich selbst als das Heil der Welt zu betrachten, sondern Christus; deshalb können sie alle Pseudo-Messiasse dieser Welt entlarven, insbesondere die politischen; vor allem können sie diejenigen sehen und hören, die, um noch einmal Paulus aus der Lesung zu zitieren, nicht sich selbst rühmen, sondern Gott, in Jesus Christus (vgl. Röm 3,27).
Dann das heutige Evangelium: „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden“, übersetzt Martin Luther (Mt 5,4). Dass es einen Trost gibt für alle Menschen, die leiden müssen – viele hoffen, dass die Christenmenschen das glauben und diesen Trost spenden: wer, wenn nicht sie? Der Staat kann es jedenfalls nicht – und sollte es auch gar nicht erst versuchen. Die Stimme des Glaubens ist gefragt. Dass der Trost nicht Vertröstung ist, setzt aktive Empathie voraus, starke Diakonie und Caritas, aber auch Gebete, die zum Himmel steigen, und Lieder, die zu Herzen gehen. Wer glaubt, weiß, dass in dieser Welt nicht jede Träne getrocknet, nicht jedes Unrecht beendet, nicht jedes Unglück abgewendet werden kann. Und dass doch die Liebe stärker ist als der Tod. Desto wichtiger ist es, dass diejenigen, die leiden, erkennen können, nicht von Gott und der Welt verlassen zu sein. Die Kirche selbst kann die Verheißung des Trostes nicht einlösen, aber sie kann an Jesus Christus glauben, der die Leidenden erlöst, indem er ihr Leiden teilt, wie Paulus im Römerbrief schreibt (Röm 3,24-25). Widerspricht dieser spirituelle dem politischen Auftrag der Kirche? Nicht im Mindesten! Er bewahrheitet ihn. Er ist selbst politisch brisant, weil er die Leidenden nicht auf eine Opferrolle festlegt, sondern als Gesegnete würdigt, die ihrerseits berufen sind, den Segen Gottes weiterzugeben.
Schließlich noch einmal die Aussendungsrede bei Matthäus, aus der heute der Predigttext genommen ist. Gleich drei Mal steht dort: „Fürchtet euch nicht!“ „Fürchtet euch nicht …; denn nichts ist geheim, was man nicht wissen wird“ (Mt 10,26). „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können“ (Mt 10,28). „Fürchtet euch nicht, denn ihr seid kostbar – kostbarer als viele Sperlinge“ (Mt 10,31). „Fürchtet euch nicht!“ – die Zuversicht, die aus dieser Ermunterung spricht, ist in Gott begründet, der seine Gerechtigkeit im gekreuzigten und auferweckten Jesus Christus offenbart hat und die Leidenden selig macht. „Fürchtet euch nicht“ – das ist die Frohe Botschaft der Kirche mitten in der Welt. Es gibt Raum und Zeit, Gutes zu tun. Es gibt Menschen, die sich für die Freiheit und Gerechtigkeit engagieren. Es gibt andere, die Widerspruch verdienen. Es gibt mehr als das, was wir tun können.
Liebe Gemeinde,
„was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündet auf den Dächern“. In seinen Annotationes zu Matthäus schreibt Martin Luther 1538 (ich übersetze frei aus dem lateinischen Original): „Sei nach außen, wie du innen bist. Lehre so, wie Paulus sagt, als ständest du in Christus vor Gott, mit unverfälschtem Gewissen und ohne andere Gedanken zu hegen als jene, die du in deinen Worten zum Ausdruck bringst“ (WA 35, 505,1-4). Es ist mir schon klar, von wem Luther sich damals absetzen wollte, als er das Gewissen und die ehrliche Rede beschwor. Aber ich hoffe, dass wir heute, angesichts eines Tsunamis von fake news, eine gemeinsame Aufgabe sehen, für die Wahrheit einzutreten, also für die Freiheit. Und dass wir Formen finden, dieses gemeinsame Zeugnis zum Ausdruck zu bringen. Deshalb feiern wir ja einen ökumenischen Gottesdienst.
Liebe Gemeinde,
viele Menschen, die nach Hamburg kommen, wollen einen Hafen sehen, der das Tor zur Welt ist. Viele Menschen, die in die Kirche kommen, wollen, einen Ort erkunden, der das Tor zum Himmel ist. Viele Menschen, die in dieser freien Stadtin die Kirche kommen, wollen eine hanseatische Ökumene entdecken, die Menschen verbindet – mit Gott und untereinander.
Also:
Hören wir, was angesagt ist,
und machen wir, was mit Gottes Hilfe geht.
„Fürchtet euch nicht!“